Manchmal entstehen besondere Orte nicht dort, wo große Pläne am Reißbrett entworfen werden, sondern dort, wo ein Mensch lange genug an eine Idee glaubt. In einem Eckhaus an der Bahnhofstraße, dort wo Görlitz mit seiner Gründerzeitfassade schon von außen ein wenig nach Bühne aussieht, wächst gerade so ein Ort heran. Noch riecht es nach Arbeit, nach Holz, nach Farbe, nach Aufbruch. Aber wer Ralph Kunze durch die Räume begleitet, spürt schnell: Hier wird nicht einfach ein Veranstaltungsraum eingerichtet. Hier öffnet jemand eine Tür in seine eigene Welt.

Diese Welt heißt Theater Magiluna.
Es soll ein kleines Zaubertheater werden, ein magischer Salon, ein Ort für Fantasy, Traumkunst und Zauberei. Keine große Showhalle, kein grelles Spektakel, sondern ein intimer Raum, in dem das Publikum nah dran ist. Nah an den Händen, nah an den Geschichten, nah an jenem Moment, in dem der Verstand kurz aussetzt und man wieder staunen darf.
Ralph Kunze steht dabei nicht nur als Zauberer in diesem Raum. Er steht dort auch als Görlitzer, als Rückkehrer, als Künstler mit einer bewegten Biografie. Seine Geschichte beginnt nicht mit einem Zaubertrick, sondern mit einem Bruch. 1980 wurde er verhaftet, nachdem er einen Grenzdurchbruch gemacht hatte. Er saß im Gefängnis der Staatssicherheit, wurde später von der DDR freigekauft und kam nach Hamburg.
Von dort führte ihn sein Weg weiter. Er gründete die „Magischen Nordlichter“ mit, arbeitete in der Schweiz im Umfeld des Designers Luigi Colani, lebte später in Südfrankreich und kehrte Ende der 1990er-Jahre wieder nach Görlitz zurück. Die Zauberei begleitete ihn über all diese Stationen hinweg. Sie war nicht einfach ein Hobby, das man mal mitnimmt und mal liegen lässt. Sie war der rote Faden.
Schon als Kind kam Kunze mit der magischen Kunst in Berührung. Mit zehn Jahren trat er in den magischen Zirkel ein. In Görlitz erhielt er außerdem eine künstlerische Grundausbildung, die man seiner Art zu erzählen noch heute anmerkt: Instrument, Rezitation, Schauspiel, Ensemblearbeit. Alles, was er damals gelernt habe, sagt er, sei später in seine Zauberei eingeflossen.




Genau deshalb geht es bei Magiluna nicht nur um Tricks. Es geht um Atmosphäre. Um Stimme. Um Timing. Um das Spiel mit Nähe und Distanz. Um die alte Frage, warum Menschen sich freiwillig täuschen lassen – und danach nicht enttäuscht, sondern glücklich sind.
Der magische Zaubersalon in Görlitz
Kunze will die Zauberkunst in Görlitz wieder in einen Rahmen stellen, der ihr aus seiner Sicht gerecht wird. Er spricht von Salonkunst. Von jener Zeit, als Magie aus der Welt der Straßengaukler heraus in die Salons geholt wurde, in kleine Räume, vor 30 oder 40 Menschen, direkt vor die Augen der Gäste. Genau diese Größenordnung sucht er. Nicht Masse, sondern Nähe. Nicht Lautstärke, sondern Wirkung.
Das Theater soll zwei Formen der Zauberei ermöglichen. Bei der klassischen Bühnenvariante sitzt das Publikum vor der Bühne. Bei der Close-up-Zauberei rücken die Zuschauer näher an das Geschehen heran. Dann wird Magie nicht aus der Ferne betrachtet, sondern direkt erlebt. Der Trick passiert nicht irgendwo vorne im Licht, sondern fast in der eigenen Hand.
Für Kunze ist das auch ein Versuch, mit einem Missverständnis aufzuräumen. Zauberkunst, sagt er, werde oft noch immer zuerst mit Kinderunterhaltung verbunden. Das sei zu wenig. Natürlich sollen Kinder im Magiluna ihren Platz haben. Seine Lebensgefährtin Kathrin Kurz, bekannt als Zauberkathrin, wird dabei eine wichtige Rolle spielen. Aber Magie könne eben auch dunkel sein, poetisch, geheimnisvoll und erwachsen. Kunze spricht von Mitternachtsshows, von Stimmungen, die nicht niedlich sein sollen, sondern intensiv.
Der Raum selbst wird Teil dieser Inszenierung. Historische Plakate aus der Welt der Magie hängen an den Wänden. Vitrinen sollen mit alten Zauberbüchern, Requisiten und Utensilien gefüllt werden. Es soll nicht nur gezeigt werden, was Magie heute sein kann, sondern auch, woher sie kommt. Wer hier eine Show besucht, soll nicht einfach auf einem Stuhl sitzen und warten, bis das Programm beginnt. Der Abend soll schon mit dem Betreten des Raumes anfangen.
Auch Görlitz spielt dabei eine Hauptrolle. Das Bühnenbild greift Motive der Stadt auf: das Finstertor, die Peterskirche, die Waage am Untermarkt. Doch es ist kein realistischer Stadtplan, sondern ein magisches Görlitz. Orte werden neu zusammengesetzt, verschoben, verdichtet. So entsteht eine Kulisse, die vertraut wirkt und zugleich traumhaft verfremdet ist.
Erst an dieser Stelle lohnt sich der Blick auf die konkreten Fakten, die auch der Artikel der SZ Görlitz beschreibt: „Seit einem Dreivierteljahr baut das Trio Kunze/Kurz/Dege nun in den 160 Quadratmeter großen Räumen, um das Gründerzeit-Zaubertheater ‚Magiluna‘ entstehen zu lassen.“
Diese 160 Quadratmeter befinden sich in der Bahnhofstraße 41, Ecke Augustastraße. Eigentümer des Hauses ist Conrad Dege. Gemeinsam mit Ralph Kunze und Kathrin Kurz hat er daran mitgewirkt, aus früher privat genutzten Räumen einen besonderen Kulturort zu machen. Der SZ-Artikel nennt rund 35 Sitzplätze, Kunze spricht im Video von etwa 40. In jedem Fall bleibt das Theater bewusst klein. Gerade das ist Teil des Konzepts.
Magiluna soll aber mehr werden als eine Bühne für einen einzelnen Künstler. Es ist als Zaubertheater, Zauberschule, Treffpunkt und fester Ort für die magische Szene gedacht. Auch ein traditionsreicher Zauberverein soll hier seinen Sitz haben. Kunze spricht im Video von einer deutsch-polnischen Verbindung, von Mitgliedern auf beiden Seiten der Grenze. Damit passt das Projekt gut in eine Stadt, die vom Dreiländereck lebt und in der Kultur oft mehrsprachig, grenzüberschreitend und verbindend gedacht werden kann.
Der Gedanke einer Zauberschule ist dabei besonders spannend. Denn Zaubern bedeutet nicht nur, einen Trick zu lernen. Wer zaubert, muss auftreten können. Muss sprechen, führen, ablenken, erzählen. Muss lernen, wie ein Publikum reagiert. Gerade für Kinder und Jugendliche kann das mehr sein als Freizeitbeschäftigung. Es kann Selbstbewusstsein geben, Bühnengefühl, Konzentration und den Mut, vor anderen Menschen zu stehen.
Für Erwachsene wiederum kann Magiluna ein Ort werden, an dem man sich auf etwas einlässt, was im Alltag selten geworden ist: echtes Staunen. Nicht das schnelle Staunen vor einem Bildschirm, sondern ein direktes, gemeinsames Erlebnis im Raum. Man sieht etwas, man weiß nicht genau wie, man schaut den anderen an – und für einen Moment ist man wieder Kind, ohne dass der Abend kindisch wird.
Bemerkenswert ist auch, dass Ralph Kunze dieses Projekt mit 65 Jahren beginnt. Andere würden in diesem Alter langsam loslassen. Er nicht. Bei ihm wirkt dieses Theater nicht wie ein spätes Hobby, sondern wie eine logische Verdichtung seines Lebens. Görlitz, Zauberei, Theater, Reisen, Brüche, Rückkehr – all das kommt in diesem Raum zusammen.
Vielleicht ist genau das der Kern dieser Geschichte. Das Theater Magiluna entsteht nicht, weil Görlitz noch eine weitere Veranstaltungslocation braucht. Es entsteht, weil ein Mensch über Jahrzehnte eine Kunstform mit sich getragen hat und ihr nun einen festen Ort gibt. Einen Ort, der klein ist und trotzdem weit ausstrahlen kann.
Für unser Format „Menschen aus Ostsachsen“ ist Ralph Kunze deshalb eine starke Figur. Er steht für Menschen, die nicht nur reden, sondern machen. Für Menschen, die aus Erfahrung etwas Eigenes bauen. Für Menschen, die einer Region nicht einfach ein Angebot hinzufügen, sondern ihr eine neue Geschichte schenken.
In der Bahnhofstraße wächst damit ein Raum, der sich ein wenig dem Tempo der Gegenwart entzieht. Ein Salon für Magie. Ein Theater für Kinder und Erwachsene. Ein Ort für alte Plakate, neue Shows, dunkle Abende, helle Kinderaugen und die kleine, selten gewordene Kunst, Menschen für einen Moment aus der Wirklichkeit zu holen. Und mittendrin steht Ralph Kunze. Nicht als Mann mit Zylinderklischee, sondern als Künstler, der viel erlebt hat und nun in Görlitz eine Tür öffnet. Wer hindurchgeht, betritt nicht nur ein Theater. Er betritt ein Stück Lebensgeschichte.




















