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Kunst, Kultur & Events

„Zeitzeugen im Gespräch“ – Erinnerungen an Görlitz im Nationalsozialismus

Berührender Zeitzeugen Abend – im Kaisertrutz Ausstellungsverlängerung bis 25. Februar

Wenn ein Raum still wird, weil Erinnerungen zu sprechen beginnen, dann verändert sich etwas. Genau diese besondere Atmosphäre prägte den Abend im Kaisertrutz Görlitz, zu dem die Görlitzer Sammlungen am Donnerstag, 13. November 2025, eingeladen hatten. Unter dem Titel „Zeitzeugen im Gespräch“ kamen Menschen zu Wort, deren Lebensgeschichten direkt oder über ihre Familien mit dieser Epoche der deutschen Geschichte verbunden sind.

Die Veranstaltung ist Teil der großen Ausstellung „Nationalsozialismus in Görlitz – 80 Jahre Kriegsende“, die den Blick auf lokale Geschichte richtet: auf das Alltägliche, das Unsichtbare, das Mitgetragene und das, was viele erst spät als Unrecht erkannten. Historiker Dr. Sven Brajer führte durch das Gespräch und setzte die Erzählungen der Gäste in ihren historischen Kontext.

Hinweis: Die Ausstellung „Nationalsozialismus in Görlitz – 80 Jahre Kriegsende“ mit bisher über 8000 Besucher wird bis 15.Februar 2026 verlängert.

Foto: Mario Förster

Christa Kohli-Dietrich: Erinnerungen eines Görlitzer Kindes

Den Auftakt machte Christa Kohli-Dietrich, Jahrgang 1933, die als Kind die NS-Zeit in Görlitz erlebte. Ihre Berichte reichten über die emotionalen Grenzen eines typischen Zeitzeugengesprächs hinaus: Sie sprach über das Verschwinden jüdischer Kinder aus ihrer Nachbarschaft, über die Angst, die unausgesprochen im Alltag lag, und über das engagierte Wirken ihres Vaters in der evangelischen Gemeinde.

Gerade die kleinen Details – das Schweigen im Hausflur, das veränderte Verhalten von Mitschülern, der Mut ihres Vaters, der sich der Gleichschaltung widersetzte – machten deutlich, wie stark die Ideologie des Regimes in den Alltag hineinwirkte.

Prof. Dr. Rolf Karbaum: Kindheitserinnerungen und die Verantwortung der Gegenwart

Ein weiterer Gast war Prof. Dr. Rolf Karbaum, Jahrgang 1940, vielen Görlitzern später als Oberbürgermeister bekannt. Er berichtete über seine Kindheit und die Eindrücke, die er mit dem KZ Görlitz im Biesnitzer Grund verbindet. Was zunächst fragmentarische Kindheitserinnerungen sind, wird in seinen Worten zu einem Puzzle aus Sätzen und Bildern, die erst später für Ihn Sinn ergaben.

Als Oberbürgermeister setzte sich Karbaum nach der „Wende“ intensiv für eine neue, offene Beziehung zu den polnischen Nachbarn ein – ein Engagement, das für ihn auch aus der historischen Verantwortung erwuchs, die er aus seiner Familiengeschichte ableitete.

Pfarrer Ulrich Wollstadt: Ein Blick in die Tagebücher seines Großvaters

Besonders eindrucksvoll waren die Einblicke von Pfarrer Ulrich Wollstadt in die Tagebücher seines Großvaters Georg Wollstadt (1891–1945). Sie geben eindrücklich die Entwicklung eines Menschen wieder, der zunächst überzeugt war vom nationalsozialistischen Aufbruch – und später in seinen Einträgen vom „grausigen Krieg“, von Ernüchterung und Schuld schrieb.

Die Textpassagen offenbaren, wie komplex die Haltungen vieler Menschen waren: Von anfänglicher Zustimmung über Zweifel bis hin zur inneren Distanz, die aber nicht immer mit offenem Widerstand einherging.

Ein Abend, der nachwirkt

Die Gespräche machten deutlich, wie wertvoll die persönlichen Erinnerungen, Familiengeschichten und Tagebuchaufzeichnungen für das Verständnis der NS-Zeit auf lokaler Ebene sind. Gerade in einer Zeit, in der authentische Zeugnisse seltener werden, gewinnt dieses Wissen an Bedeutung.

Dr. Sven Brajer ordnete die Beiträge behutsam ein und zeigte, wie individuelle Erfahrungen und städtische Geschichte miteinander verflochten sind – in den Straßen, die wir heute alltäglich passieren, und in Orten wie dem Biesnitzer Grund, die bis heute Spuren dieser Vergangenheit tragen.

Die Veranstaltung im Kaisertrutz war nicht nur ein weiterer Baustein der Jubiläumsausstellung. Sie war ein eindringlicher Beweis dafür, wie wichtig das Zuhören bleibt – und wie notwendig es ist, die Stimmen derjenigen zu bewahren, die noch aus eigener Erfahrung oder über ihre Familien berichten können.

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