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Görlitz

Görlitz Steinstraße 1 – Lost Places: Wohn und Geschäftshaus Bauherr Kürschnermeister Carl Friedrich Thorer

Die Steinstraße 1, heute auch bekannt unter der Adresse Obermarkt 6, ist eines der prächtigsten Gebäude in Görlitz. Es wurde im Jahr 1844 von dem Kürschnermeister Carl Friedrich Thorer errichtet. Das mächtige Gebäude mit zwei Innenhöfen zeugt von einer Vergangenheit, die sowohl von städtischem Wohlstand als auch von tragischen historischen Ereignissen geprägt ist. Im Laufe der Zeit beherbergte es eine Vielzahl von Gewerbebetrieben und Privatpersonen, die die Geschichte der Stadt nachhaltig mitgestaltet haben. Besonders bemerkenswert sind die Geschichten jüdischer Kaufmannsfamilien, deren Leben untrennbar mit dem Schicksal dieses Hauses und der Stadt Görlitz verknüpft sind.

Die Errichtung und frühe Nutzung des Hauses

Der Bau der Steinstraße 1 wurde 1844 vom Kürschnermeister Carl Friedrich Thorer initiiert. Thorer, ein angesehener Handwerksmeister in Görlitz, ließ das Gebäude in einer Zeit errichten, in der die Stadt durch wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand geprägt war, in diesem Haus wurde Görlitzer Handels und Gewerbegeschichte geschrieben. Mit seinen zwei Innenhöfen und der prächtigen Fassade spiegelte das Haus den Wohlstand seiner Bewohner wider und war ein zentraler Ort für das städtische Leben.

Goerlitz Steinstrasse 1 2
Foto: Mario Förster

Über die Jahre hinweg beherbergte das Erdgeschoss verschiedene Gewerbebetriebe, darunter das Schuhgeschäft Kafka und das Bekleidungsgeschäft von Moritz Dresel. Diese Geschäfte waren bedeutende Wirtschaftsbetriebe in der Stadt und wurden von Generationen jüdischer Familien geführt, die tief in das gesellschaftliche Leben von Görlitz eingebunden waren.

Moritz und Artur Dresel: Eine Familie und ihr Schicksal

Eine der bekanntesten jüdischen Familien, die in der Steinstraße 1 lebten und arbeiteten, war die Familie Dresel. Moritz Dresel wurde 1840 im schlesischen Grünberg (heute Zielona Góra, Polen) geboren und kam 1875 nach Görlitz, wo er ein Bekleidungsgeschäft gründete. Das Geschäft, das Herren-, Damen- und Kinderbekleidung führte, wurde zu einem festen Bestandteil des lokalen Handels und zog Kundschaft aus der gesamten Region an.

Moritz Dresel und seine Frau Salomea, geborene Weyl, lebten in der Steinstraße 1 und führten ihr Geschäft mit Hingabe. Ab 1889 befand sich das Bekleidungsgeschäft auf zwei Etagen im Gebäude Obermarkt 6. Ihr Sohn, Artur Dresel, übernahm später das Geschäft und führte es erfolgreich weiter. Artur wurde am 22. März 1879 in Görlitz geboren und war als Jude und stadtbekannter Sozialdemokrat eine Zielscheibe des nationalsozialistischen Regimes.

Artur Dresel wurde das erste Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Görlitz. Am 22. September 1935, im Alter von 56 Jahren, wurde er in einer Gefängniszelle der Gestapo in Breslau ermordet. Seine Schwester Hedwig wurde 1943 in Theresienstadt ermordet. Stolpersteine für die Familie Dresel wurden 2023 in der Steinstraße verlegt, um an das tragische Schicksal dieser Familie zu erinnern.

Das Haus der Familie Horn

Das Haus in der Steinstraße 1 gehörte in den 1930er Jahren Wally Sara Horn und Paul Israel Kafka. Die Familie Horn war ebenfalls jüdischer Abstammung und wurde während der NS-Zeit Opfer der Verfolgung. Kafka wurde, wie viele andere jüdische Einwohner, ausgebürgert und als Ausländer im Adressbuch von 1941/42 geführt.

Das Haus der Familie Horn wurde im Zuge der nationalsozialistischen Maßnahmen zum sogenannten „Judenhaus“. In diesen Häusern wurden jüdische Familien zwangsinterniert, bevor sie deportiert wurden. Es war ein Ort des Leidens und der Angst, der jedoch bis heute als stiller Zeuge dieser Verbrechen erhalten geblieben ist.

Nachkriegszeit und DDR: Wandel der Nutzung

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung vom Nationalsozialismus veränderte sich die Nutzung der Steinstraße 1 drastisch. Während der DDR-Zeit diente das Gebäude als Wohnhaus und beherbergte verschiedene Familien. Die Wohnungen, die bereits zu Zeiten der jüdischen Bewohner luxuriös ausgestattet waren, wurden größtenteils erhalten und blieben mit ihrer originalen Ausstattung aus der DDR-Zeit bestehen.

Eine der bekanntesten Familien, die während der DDR-Zeit in der Steinstraße 1 lebte, war die Familie Merker. Die Familie plante in den 1980er Jahren die Umwandlung des Hauses in ein Pensionshaus oder Boutique-Hotel, was jedoch nie vollständig umgesetzt wurde. Die Pläne spiegeln den Wunsch wider, das historische Erbe des Hauses zu bewahren und zugleich einer neuen Nutzung zuzuführen.

Gedenken und Erhalt des Erbes

Heute ist das Gebäude in der Steinstraße 1 nicht nur ein architektonisches Schmuckstück in Görlitz, sondern auch ein Ort des Gedenkens. Die Stolpersteine für die Familie Dresel und die Erinnerung an das Schicksal der jüdischen Bewohner erinnern an die dunklen Kapitel der deutschen Geschichte. Das Haus erzählt die Geschichten der Menschen, die hier lebten, arbeiteten und litten – Geschichten von Wohlstand, Verfolgung, Widerstand und Verlust.

Das Interesse an den sogenannten „Lost Places“ in Görlitz hat in den letzten Jahren zugenommen, und die Steinstraße 1 ist heute ein Ziel für historische Stadtführungen. Besucher können einen Einblick in die Geschichte des Hauses und seiner ehemaligen Bewohner erhalten und erfahren, wie eng das Schicksal dieser Menschen mit den historischen Entwicklungen in Deutschland und Europa verbunden ist.

Lost Places Görlitz

Entdecken könnt Ihr das Haus Steinstraße 1 in Görlitz
mit den Lost Places Guides Uwe & Daniel
Buchung und Infos auf www.goerlitz21.de

Zusammenfassung

Die Steinstraße 1 in Görlitz ist mehr als nur ein historisches Gebäude – sie ist ein Denkmal für die jüdische Geschichte der Stadt und ein Symbol für den unermesslichen Verlust, den die nationalsozialistische Verfolgung über die jüdischen Familien in Görlitz brachte. Die Geschichten der Familien Dresel und Horn stehen stellvertretend für viele andere, die in dieser Zeit unterdrückt, verfolgt und ermordet wurden. Heute, da das Interesse an der Vergangenheit dieser Orte wieder erwacht, ist es umso wichtiger, das Erbe dieser Menschen zu bewahren und weiterzugeben.


Quellen & Infos:

  • Besitzer Enrico Merker, Hausdienstleistungen
  • Bauaktenarchiv Enrico Merker

 

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